Ein Winterkönig an der Zeitenwende

OPINIONE

VON MICHAEL MARTENS, FRANKFURTER ALLGEMEINE

Erst Rebell, dann Lichtgestalt des Türkenkampfs, schließlich Nationalheld der Albaner: Das Leben und der Nachruhm Skanderbegs in der akribisch recherchierten Biographie von Oliver Jens Schmitt.

Heute können viele Europäer mit seinem Namen nichts mehr anfangen. Doch dieser Skanderbeg war einst ein europäischer Superstar, Widersacher zweier Sultane, „Türkenkämpfer“, „Athlet Christi“ und Kämpfer gegen das Osmanische Reich, als Europa der neuen Macht aus dem Osten wenig entgegenzusetzen hatte. Sein Ruhm entsprang der Angst vor dem scheinbar unaufhaltsamen Vordringen einer unheimlichen Macht.

Bücher über Leben und Taten des „Fürsten von Epirus“ (1405-1468) wurden Bestseller in vielen europäischen Sprachen. Mit jedem Sieg der Osmanen kamen neue Lebensbeschreibungen hinzu. „Keine andere Gestalt der südosteuropäischen Geschichte“, so Oliver Jens Schmitt, „hat über Jahrhunderte hinweg eine derartige Beachtung erfahren wie dieser mittelbalkanische Adelige.“

Vom Balkan an den Sultanshof

Schmitt hat Skanderbeg eine akribische Biographie gewidmet, die alles übertrifft, was bisher zu diesem Leben vorlag. Allein die Einsicht der Archive in Venedig, Mailand, Mantua, Dubrovnik und Zadar zog sich über Jahre hin. Schmitts Selbsteinschätzung, sein Buch lade den Leser ein „in die Welt des spätmittelalterlichen Balkans, fernab der großen byzantinischen und adriatischen Städte, der Seewege und Heerstraßen“, hält der Text stand.

Skanderbegs Leben ist freilich auch ein dankbarer Stoff. Es begann in den Schluchten des Balkans und führte an den Sultanshof, weil der Vater ihn und zwei weitere Brüder als Geisel dorthin ausliefern musste. Der als Georg Kastriota getaufte Christ trat zum Islam über und machte durch seine Kampfkraft und seinen Mut den Sultan auf sich aufmerksam. Aus dieser Zeit stammt sein Beiname Iskender Beg, in Anlehnung an Alexander den Großen. Im Dienste der Pforte zog er bis an die Donau.

Raubzüge des Winterkönigs

Die Wende kam, als Skanderbegs Vater von den Osmanen ermordet wurde. Skanderbeg fiel vom Sultan ab, bezeichnete sich wieder als Christ, sann auf Rache und entfachte einen Aufstand gegen die Osmanen. Der Rest seines Lebens war Kampf gegen einen überlegenen Feind. Wenn die Osmanen nach dem Winter, der Schutz vor Angriffen bot, im Sommer erneut anrückten, musste er mit seinen Anhängern in die Berge flüchten, wo sich die numerische und technische Überlegenheit der Gegner verlor. Er war ein Winterkönig ohne geordnete Herrschaftsstrukturen. Kaum mehr als 90 000 Menschen lebten in seinem Herrschaftsgebiet, als Kämpfer folgten ihm dauerhaft etwa 3000 Mann – auch damals keine große Zahl. Entsprechend musste der Kampf geführt werden: nie die offene Schlacht, sondern Überfälle aus dem Hinterhalt. Sein Gefolge hielt er durch Raubzüge bei Laune. Gefangene wurden nur gemacht, wenn Lösegeld zu erwarten war. Die Taktik funktionierte. Mit dem Ungarn Johann Hunyadi brachte er das Osmanische Reich in Europa sogar mehrfach an den Rand des Zusammenbruchs.

Schließlich musste Skanderbeg sich jedoch Hilfe aus Italien sichern, und die bezahlte er teuer. Geld und gute Worte kamen aus Rom, Waffen aus Neapel, dessen Vasall Skanderbeg wurde. Das beunruhigte Venedig; die Signoria setzte dem System von Vasallen Neapels ein Netz aus besoldeten Regionalfürsten entgegen, und der daraus entstehende neapolitanisch-venezianische Stellvertreterkrieg auf dem Balkan schwächte den Abwehrkampf gegen die Osmanen.

Hinausgezögertes Ende

Was in Skanderbegs Macht stand, war lediglich die Hinauszögerung seines Endes. Die Sultane waren mit anderen Feldzügen beschäftigt und überließen den Kampf in Albanien ihren Unterführern. Schließlich aber rückte Mehmed II., der Eroberer Konstantinopels, in den Jahren 1466/67 selbst an der Spitze eines Heeres an und wütete grausam. Viele albanische Adelige waren schon Jahre vorher zum Sultan übergelaufen, eine geeinte albanische Abwehrfront hatte nie bestanden. Nachdem Skanderbeg mit Hilfe ortskundiger christlicher Hilfstruppen endgültig besiegt, die Bevölkerung der aufständischen Gebiete niedergemetzelt, verschleppt oder vertrieben war, verzeichneten osmanische Steuerbeamte nur noch rund 11 000 Menschen in der Region. Wer konnte, war nach Apulien geflohen, wo die Nachfahren jener Flüchtlinge, die Arbershen, noch heute leben. Andere zogen sich in die Berge zurück. Die Folgen dieser osmanischen Politik der verbrannten Erde prägen die albanische Gesellschaft noch immer, denn sie führten zu einer Verstärkung der bis heute existierenden Stammesstrukturen im Hochland.

Als Skanderbeg 1468 starb, hinterließ er ein zerstörtes Land. Mit seinem Tod aber begann seine zweite Karriere als Symbolgestalt des Türkenkämpfers. Ein drittes Mal wurde er von der albanischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert erfunden. Heute gibt es zwei Skanderbegs – den historischen und den zum Nationalhelden erhobenen Mythos, wie er in albanischen Schulen und von nationalistischen Intellektuellen in Tirana oder Prishtina dargestellt wird. Beide haben weniger miteinander zu tun als entfernte Verwandte.

Zum Nationalhelden zurechtgeschnitzt

Das heutige Skanderbegbild in Albanien ist noch immer maßgeblich von der Zeit des Kommunismus geprägt, wo man sich den mittelalterlichen Fürsten als ethnisch albanischen Nationalhelden zurechtschnitzte. Je stärker Albanien unter Enver Hodscha in die Isolation geriet, desto „nationaler“ wurde Skanderbeg. Suggeriert wurde eine fiktive Einheit der albanischen Adeligen im Kampf gegen die Osmanen. Skanderbeg war schon deshalb kein „Albanerführer“, weil seiner Erhebung außer albanischen auch bulgarische, serbische oder vlachische Orthodoxe folgten. Sein treuester Verbündeter in Albanien war die katholische Kirche, die ihn anders als die lokalen Warlords nie verriet.

All das passt nicht zum Bild eines Nationalhelden, doch die Nachwirkung der kommunistisch-nationalistischen Verdrehung ist in Albanien, dem Kosovo und in den albanischen Gebieten Mazedoniens wirkungsmächtig. Die staatlich gelenkte Heldenverehrung bekam auch Schmitt zu spüren. Das Erscheinen seines Buches in Albanien entfachte einen nationalistischen Furor, bei dem Ministerpräsident Sali Berisha und der Schriftsteller Ismail Kadare eine unrühmliche Rolle spielten. Denn Schmitt hatte es gewagt, die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit Skanderbegs, die im ausgehenden Mittelalter nebensächlich war, in seinem Buch auch nur am Rande zu behandeln.

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